Theater „at its best“
 
Die Gerichtsbarkeit einer Bühne fange dort an, wo weltliche Gesetze enden – so ähnlich hat sich der Autor Dževad Karahasan einmal über einem der meistgespielten Prosaschätze der deutschen Literatur, Büchners  „Woyzeck“, geäußert. Vermutlich kann man mit Aufsätzen über die Bedeutung des Fragments ganze Buchwände füllen. Man kann aber auch einfach zwei Handvoll Szenen mit ungefähr genauso vielen Schülerinnen und Schülern aus einem KuBi-Kurs der Georg-August-Zinn-Schule nehmen und auf die Bühne stellen. Mit fantastisch einfachen Mitteln – es reichen Vorhänge, Masken, Münzen und Kisten – sowie professionellem Arrangement (Dank, Dank, Dank an Regina Hein!) passiert dann auf der Bühne – zuletzt im großartigen UK14 ­– genau das, was eben nur im Theater verortbar ist: Die Bühne hält Gericht und stellt dem weltlichen Geschehen gleichsam einen Spiegel vor.
Woyzeck ist ja einer, über den man sich lustig macht. Einer, der nichts hat. Einer, der dennoch alles tut, um „seine“ Marie bei (und für) sich behalten zu können. Woyzeck ist auch einer, der Stimmen ausgesetzt ist. Einer, der im Teufelskreis steckt. Und diesem nicht entrinnen wird: Je mehr Woyzeck um Anerkennung ringt, desto stärker wird er deformiert. Am Eindringlichsten wird sein Versagen ganz körperlich im Kampf deutlich: Auch dem Tambourmajor, der erfolgreich um Marie buhlte, bleibt er in einer brutal realistisch wirkenden Szene unterlegen. Am letzten Kreis dieser Hölle bleibt dem Verlierer nur noch ein Ausweg: Den Stimmen zu gehorchen und Marie zu morden.
Die Theaterkompagnie aus Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 10 erreicht mit ihrer Leiterin Hein und dem tollen Team vom Kasseler Schultheaterzentrum aus dem Geflecht von Versagen und Untergang etwas ganz Wundersames: Trotz expliziter Anspielungen auf Femizide, trotz Maskenspiel und Typisierung gemahnt dieser „Woyzeck“ an das Menschliche in uns. Am Ende also hält auch er Gericht, wo das Weltliche endet - das ist Theater „at its best“! Großer Applaus.
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